Forscher erforschen eine radikal neue Methode der Sauerstoffzufuhr: die rektale Verabreichung einer sauerstoffreichen Flüssigkeit. Obwohl der Ansatz unkonventionell ist, könnte er eine vorübergehende Lösung für kritische Sauerstoffknappheit bieten, obwohl Experten hinsichtlich seiner Praktikabilität weiterhin skeptisch sind.
Die Suche nach alternativer Sauerstoffversorgung
Die von Takanori Takebe vom Cincinnati Children’s Hospital Medical Center und der Universität Osaka geleitete Forschung begann, nachdem sie den invasiven Charakter herkömmlicher Beatmungsgeräte festgestellt hatte. Takebes anfängliche Bedenken rührten von der Lungenentzündungsbehandlung seines Vaters her, was die Suche nach alternativen Methoden zur Sauerstoffversorgung auslöste.
Inspiriert von Tieren wie Schmerlen, die Sauerstoff über ihren Darm aufnehmen, stellte Takebe die Hypothese auf, dass das menschliche Rektum mit seiner reichhaltigen Blutversorgung als Sauerstoffaufnahmepunkt dienen könnte. Diese Idee basiert auf der Tatsache, dass Einläufe bereits Medikamente in den Blutkreislauf transportieren.
Die Wissenschaft dahinter
Der Prozess beinhaltet die Verabreichung von Perfluordecalin, einer Flüssigkeit, die hohe Sauerstoffkonzentrationen speichern kann, in das Rektum. Studien an Mäusen und Schweinen haben gezeigt, dass diese Methode den Sauerstoffgehalt bis zu 30 Minuten lang aufrechterhalten kann. Die Flüssigkeit gibt Sauerstoff an den Blutkreislauf ab und absorbiert gleichzeitig Kohlendioxid.
Frühe Experimente ergaben eine sichtbare Veränderung der Blutfarbe – von sauerstoffarm zu leuchtendem Rot – was die Sauerstoffaufnahme bestätigt. Die Forschung erhielt 2024 sogar den Ig-Nobelpreis für ihre Mischung aus Humor und potenzieller Wirkung.
Versuche am Menschen und Sicherheit
Kürzlich durchgeführte Studien mit 27 gesunden Männern testeten die Sicherheit der rektalen Verabreichung von Perfluordecalin. Die meisten Teilnehmer vertrugen bis zu 1 Liter der Flüssigkeit mit leichten Beschwerden (Blähungen, Bauchschmerzen). Allerdings verursachten größere Dosen (1,5 Liter) bei manchen Magenschmerzen, was zu einem vorzeitigen Abbruch führte.
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Behandlung körperlich verträglich ist, die Wirksamkeit jedoch noch nicht nachgewiesen ist. Takebes Unternehmen EVA Therapeutics strebt eine Weiterentwicklung an.
Skepsis und mögliche Anwendungen
Der Ansatz hat in der medizinischen Fachwelt gemischte Reaktionen hervorgerufen. Dr. John Laffey von der University of Galway argumentiert, dass Lungen, selbst geschädigte, beim Gasaustausch weitaus effizienter sind. Er stellt fest, dass die rektal zugeführte Sauerstoffmenge im Vergleich zum Stoffwechselbedarf minimal ist, was eine nachhaltige Unterstützung unpraktisch macht.
Dr. Kevin Gibbs von der Wake Forest University School of Medicine ist aufgeschlossener. Er schlägt vor, dass die Methode als kurzfristige Überbrückung in Notsituationen nützlich sein könnte, in denen sich die Intubation verzögert. In solchen Fällen könnte eine vorübergehende rektale Sauerstoffversorgung die Patienten stabilisieren, bis eine vollständige Lebenserhaltung gewährleistet ist.
Fazit
Die rektale Oxygenierung bleibt ein hochexperimentelles Gebiet. Während Sicherheitsbedenken überschaubar erscheinen, ist die praktische Anwendbarkeit noch ungewiss. Die Technik stellt eine verzweifelte Maßnahme für Sauerstoffnotfälle dar, aber ob sie sich zu einer praktikablen klinischen Option entwickeln wird, bleibt abzuwarten.



















