Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Ursprünge verheerender neurodegenerativer Erkrankungen möglicherweise nicht ausschließlich im Gehirn, sondern vielmehr im Darm liegen. Eine von Forschern der Case Western Reserve University geleitete Studie hat einen möglichen Zusammenhang zwischen bestimmten bakteriellen Zuckern und dem Ausbruch von Amyotropher Lateralsklerose (ALS) und frontotemporaler Demenz (FTD) identifiziert.
Die Verbindung zwischen Darm und Gehirn
ALS und FTD sind eng verwandte Erkrankungen, die durch das fortschreitende Absterben von Neuronen gekennzeichnet sind. Während ALS hauptsächlich Motoneuronen angreift und zum Verlust der Muskelkontrolle führt, wirkt sich FTD auf Verhalten, Persönlichkeit und Sprache aus.
Seit Jahren kämpfen Wissenschaftler darum, zu verstehen, warum manche Menschen diese Krankheiten entwickeln und andere nicht, selbst wenn sie die gleichen genetischen Veranlagungen haben. Diese Studie konzentriert sich auf die C9ORF72-Genvariante, einen gemeinsamen genetischen Faktor bei beiden Krankheiten. Da jedoch nicht jeder mit dieser Mutation erkrankt, haben Forscher nach „Umweltauslösern“ gesucht – externen Faktoren, die eine genetisch veranlagte Person zum tatsächlichen Ausbruch der Krankheit treiben könnten.
Die Entdeckung: Entzündlicher Zucker
Mithilfe von Mausmodellen, die die menschliche C9ORF72-Mutation nachahmen sollten, entdeckte das Forscherteam, dass bestimmte Darmbakterien eine bestimmte Zuckerart namens Glykogen produzieren.
Die Studie identifizierte ein bestimmtes Bakterium, Parabacteroides merdae, als Hauptverursacher. Als dieses Bakterium Mäusen ausgesetzt wurde, löste es eine Kettenreaktion aus:
1. Glykogenproduktion: Die Bakterien produzierten entzündliche Formen von Glykogen.
2. Übersteuerung des Immunsystems: Der Körper erkennt diese Zucker als Bedrohung, was zu einer Überreaktion des Immunsystems führt.
3. Gehirnentzündung: Diese Immunreaktion führte zu einer schweren Entzündung und einem Zusammenbruch der Blut-Hirn-Schranke, wodurch Schäden bis zum Gehirn gelangen und Neuronen absterben konnten.
Beweise beim Menschen
Die Ergebnisse beschränkten sich nicht auf Tiermodelle. Als Forscher menschliche Stuhlproben analysierten, fanden sie einen signifikanten Zusammenhang:
– ALS-Patienten: 15 von 22 zeigten ungewöhnlich hohe Werte an entzündlichem Glykogen.
– Gesunde Kontrollpersonen: Nur 4 von 12 zeigten diese erhöhten Werte.
Dies deutet darauf hin, dass das C9ORF72-Protein normalerweise als „Bremse“ für die Glykogenproduktion fungiert. Wenn das Gen mutiert ist, versagt diese Bremse, sodass der bakterielle Zucker ungehindert ablaufen und eine Neurodegeneration auslösen kann.
Ein neuer Behandlungsweg
Einer der vielversprechendsten Aspekte dieser Forschung ist das Potenzial für auf den Darm gerichtete Therapien. In Versuchen an Mäusen verabreichten Forscher Alpha-Amylase – ein Enzym, das Glykogen abbaut. Die Ergebnisse waren signifikant:
– Reduzierte Entzündungswerte im Gehirn.
– Verlängerte Lebensdauer der betroffenen Mäuse.
Interessanterweise half das Enzym den Mäusen zwar dabei, länger zu leben, ihre körperliche motorische Leistungsfähigkeit verbesserte es jedoch nicht, was darauf hindeutet, dass die Behandlung zwar das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen kann, bestehende Schäden jedoch möglicherweise noch nicht rückgängig machen kann.
„Unser Nachweis, dass Mikroben, die entzündliche Formen von Glykogen ansammeln, im Darm von ALS-Patienten angereichert sind, legt nahe, dass mikrobielles Glykogen ein wichtiges Beispiel unter vielen Umwelt- und Lebensstilfaktoren sein könnte, die mit prädisponierenden Genotypen interagieren“, stellten die Forscher fest.
Blick nach vorne
Diese Forschung verlagert den Schwerpunkt der neurodegenerativen Behandlung vom Gehirn auf das Verdauungssystem. Die nächsten Schritte für das Team umfassen:
– Durchführung größerer Studien zur Überwachung der Veränderungen des Darmmikrobioms beim Menschen vor und nach Ausbruch der Krankheit.
– Beginn klinischer Studien – möglicherweise innerhalb eines Jahres – um herauszufinden, ob glykogenabbauende Behandlungen das Fortschreiten der Krankheit bei menschlichen Patienten verlangsamen können.
Schlussfolgerung: Durch die Identifizierung von bakteriellem Glykogen als potenzieller Auslöser von Gehirnentzündungen öffnet diese Studie neue Grenzen in der Neurologie und legt nahe, dass die Darmgesundheit eine Schlüsselstrategie sein könnte, um das Fortschreiten von ALS und FTD zu verlangsamen oder zu verhindern.



















